Lagerorganisation: Grundlagen der optimalen Organisation

Im Handwerk werden für die Lagerorganisation zwei Materialströme definiert: Standardmaterial und Kommissionsmaterial. Sie sollten optimal organisiert sein. In Industrie und Handel wird nicht nach Materialströmen unterschieden. Hier wird Material unter anderen Gesichtspunkten bewirtschaftet.

Hier ein kurzer Vergleich der Lagerorganisation in Industrie / Handel mit der Lagerorganisation im Handwerk:

 

Fixplatz- und Chaotische Lagersysteme der Lagerorganisation

Im Handel und in der Industrie versteht man unter Lagerorganisation die Verteilung von Waren auf Lagerplätze im Lager.

Dabei wird zwischeneinemFest- oder Fixplatzsystem als auch einem ChaotischenSystem unterschieden. Im ersten wird der Ware ein fester Lagerort oder Lagerplatz zugeordnet. Bei der Einlagerung wird das Material eingebucht und in der Arbeitsvorbereitung mit theoretischen Entnahmen abgebucht. Durch wechselnde Verbräuche kann der Platz für dasselbe Material unterschiedlich groß sein.

Bei dem Chaotisches System wird ein stetiger Wechsel des Lagerortes vorgegeben. Die Flächen können dabei sehr effizient genutzt werden, da nahezu keine Lücken entstehen. Der Begriff „Chaotisch“ ist hier allerdings nicht der Ausdruck des Zustands, sondern beschreibt das System der Lagerhaltung. Im Handwerk ist dieser Ansatz aufgrund hoher Kosten nahezu kaum brauchbar.

In beiden SystemenmüssenalleMaterialienfür die Bedarfe der Fertigung im Lager vorhanden sind. Die Entnahme(Picking) und Bereitstellung für den Auftrag mit gleichzeitigem Buchungsvorgangbedeutet „kommissionieren“. Leider hat kein Handwerksbetrieb das gesamte branchenspezifische Material imLager liegen, weshalbdas System der „Kommissionierung“ mindestens anzuzweifeln ist,auch wenn wir dies immer wieder als Aufgabe der Lageristen definieren.

Fazit: Im Handwerk besteht kein Bedarf an diesen beiden Systemen, da der Lagerbestand kleiner als in Industrie/Handel ist, und weil der Handwerker stärker auf Kundenwünsche eingehenmuss und dementsprechend vielauftragsbezogen bestellt. Außerdem sind die Buchungsvorgänge für Einlagerung und Materialentnahme viel zu aufwändig und sie bringen keinen Nutzen.

 

Vertrieb mit Kollektionen in der Industrie

In der Industrie herrscht eine komplett andere Arbeitsweise als im Handwerk. Sie arbeitet mit Kollektionen. Die Automobilindustrie z.B. bietet ein Auto in verschiedenen Serienausstattungen an. Der Kunde kann die Serienausstattungindividuell erweitern, allerdings nur mit dem Sonderzubehör, das der Hersteller anbietet. Etwas anderes gibt es nicht!

Die Industrie unterscheidet also nicht zwischen Standardmaterial (Schrauben, Dübel, Arbeitshandschuhe, Silikon, Klebebänder usw.) und Kommissionsmaterial (Platten mit Dekor nach Kundenwunsch, Möbelgriffe nach Kundenwunsch, Armaturen und Porzellan nach Kundenwunsch), sondern es gibt nur Standardmaterial. Sie kategorisiert allerdings alle Materialien anhand einer ABC-Analyse bezogen auf Materialwert, Beschaffungsaufwand, Anteil am Umsatz und Lagerhaltungskosten.

Fazit: In diesen Lagersystemen gibt es keine Lagerorganisation für Kommissionsmaterial, da dieses nicht vorkommt. Eine täglich individuelle Fertigung mit nicht bewirtschaftetem Materialist hier nicht vorgesehen. Ein Baustellen- Rücklaufprozess ist nicht vorhanden.

 

Verwaltung von offenen Verpackungseinheiten

In der Industrie wird das Material amdefinierten Arbeitsplatz verbraucht. Dazu steht ein befüllter Sichtlagerkasten am Arbeitsplatz, dahinter steht auf einer schrägen Bahn der Nachschub. Sollte der vordere Sichtlagerkasten leer sein, wird dieser auf einen Transportwagen gestellt, der täglich von Lageristen abgeholt und mit vollen Sichtlagerkästen ersetzt wird. Diese werden von hinten in die schräge Bahn eingestellt. Der Nachschub kommt aus dem zentralen Lager, in dem das Material bewirtschaftet wird. Der Verbrauch wird von denLageristen in der EDV abgebucht.Bei Unterschreiten der Mindestmenge in diesem zentralen Lager wird ein Bestellvorschlag nach neuen, geschlossenen Verpackungseinheiten ausgelöst. Diese Prozesse gibt es im Handwerk nicht.

Im Handwerk wird das benötigte Material – es ist jeden Tag anderes Material – durch den Facharbeiter selbst aus dem Lager entnommen, teils in Form einer Verpackungseinheit, teils als Einzelstücke. Sehr oft lagert der Facharbeiter nicht benötigtes Material wieder ein.Bei einem Tischler, Holzfensterbauer gibt es rund 1.400 Standardartikel, bei Kunststoff- Bauelementen rund 2.500, bei Alu- Bauelementen rund 3.000, in SHK Betrieben rund 3.500 Standardartikel. Davon sind rund 80% Schüttgut und Materialien, die bei der Verarbeitung passend zurecht geschnitten werden, wobei die anfallenden Reste noch verarbeitet werden können. Buchungsvorgänge für Einlagerung, Entnahme und Rücklagerung wären eine Überdetaillierung, damit würden Handwerksbetriebe außer Gefecht gesetzt.

Fazit: Die Bauhandwerksbetriebe sind so zu organisieren, dass sie mit offenen Verpackungseinheiten und unterschiedlichsten Beständen lieferfähig sind.

 

Branchensoftware zur Lagerorganisation

Die Kompetenz im Handwerk liegt in der fachlichen und wirtschaftlichen Abwicklung vieler Kleinstaufträgen und nicht im Vorausplanen langfristig laufender Produktionsaufträge. Material wird nach Erfahrungswert entnommen und zur Baustelle mitgenommen in der Hoffnung, alle Eventualitäten berücksichtigt zu haben. Nicht verbrauchtes Material wird nach Fertigstellungdes Auftrags wieder eingelagert. Diese Entnahme- und Wiedereinlagerungsvorgänge will niemand buchen, und es wäre auch viel zu aufwändig und zu teuer.Jede Branchensoftware, die Buchungsvorgänge als Lösung anbietet, ist in unseren Augen dysfunktional.

Fazit: Es gibt kein ERP-Programm im Handwerk, dessen Buchungsvorgänge jemals mit dem real körperlich anwesenden Material übereinstimmen können. Das ist auch nicht nötig, es geht einfacher.

Nach oben scrollen